
Orthostatische Kreislaufstörung: Ursachen, Mechanismus und Behandlung
Orthostatische Kreislaufstörung, oft auch „orthostatische Hypotonie" oder „orthostatische Intoleranz" genannt, ist ein physiologisches Phänomen, bei dem der Körper seinen Blutdruck bei Positionswechseln nicht schnell genug ausgleichen kann. Das führt typischerweise zu Schwindel, Kopfflimmern oder in schweren Fällen sogar zur Ohnmacht.
Auf dieser Seite erfahren Sie, wie die Kreislaufregulation normalerweise funktioniert, warum sie bei manchen Menschen gestört ist, und welche Rolle medikamentöse Unterstützung spielen kann.
Verfasst von der Robugen Gesundheitsredaktion · Geprüft von Dr. Friedrich Mai · am 20. Juni 2026
Wie funktioniert normale Kreislaufregulation?
Unser Kreislaufsystem ist ständig damit beschäftigt, den Blutdruck auszugleichen, besonders bei Positionswechseln. Das ist eine hochkomplexe Reaktion, die normalerweise unbewusst und in Sekundenbruchteilen abläuft:
Schritt 1: Sensorische Wahrnehmung
Spezialisierte Druckfühler, die sogenannten Barorezeptoren, sitzen vor allem in der Wand der Halsschlagader (Carotissinus) und im Aortenbogen. Sie messen den Blutdruck kontinuierlich und melden jede Veränderung über Nervenbahnen ans Gehirn. Beim Aufstehen versacken durch die Schwerkraft schlagartig etwa 500 bis 800 Milliliter Blut in den Bein- und Beckenvenen, der Druck in den Barorezeptoren sinkt, und dieses Absinken ist das Startsignal für die Gegenregulation.
Schritt 2: Reaktion des vegetativen Nervensystems
Das Kreislaufzentrum im Hirnstamm (in der Medulla oblongata) verarbeitet die Signale und aktiviert das sympathische Nervensystem. Innerhalb von Sekundenbruchteilen laufen drei Anpassungen an: Die Blutgefäße verengen sich (Vasokonstriktion) und erhöhen so den Gefäßwiderstand, die Herzfrequenz steigt, und das Herz pumpt kräftiger. Gleichzeitig hilft die Muskelpumpe der Beine, das versackte Blut zurück zum Herzen zu befördern.
Schritt 3: Stabilisierung des Blutdrucks
Zusammen sorgen diese Mechanismen dafür, dass der Blutdruck im Oberkörper trotz Lagewechsel nahezu konstant bleibt und das Gehirn ohne Unterbrechung durchblutet wird. Bei gesunden Menschen ist die Regulation nach wenigen Sekunden abgeschlossen, der Wechsel vom Liegen ins Stehen bleibt völlig unbemerkt.
Hormonelle Unterstützung durch das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System
Über die schnelle Nervenreaktion hinaus greift der Körper längerfristig auf hormonelle Steuerung zurück. Sinkt der Blutdruck anhaltend, schütten die Nieren das Enzym Renin aus. Über mehrere Zwischenschritte entsteht Angiotensin II, das die Gefäße verengt und die Nebenniere zur Ausschüttung von Aldosteron anregt. Aldosteron wiederum fördert, dass Nieren Natrium und Wasser zurückhalten, sodass das Blutvolumen steigt. Auch Adrenalin und das Hormon Vasopressin (ADH) tragen zur Blutdruckstabilisierung bei.
Was geht bei orthostatischer Kreislaufstörung schief?
Bei orthostatischer Kreislaufstörung funktioniert dieser Regulationsmechanismus nicht optimal. Es gibt mehrere Gründe, warum die Anpassung zu langsam oder zu schwach ausfällt:
Fehlerhafte sensorische Wahrnehmung
Die Barorezeptoren oder die von ihnen ausgehenden Nervenbahnen arbeiten nicht mehr zuverlässig. Der Druckabfall beim Aufstehen wird dann verspätet oder abgeschwächt gemeldet. Typische Ursachen sind natürliche Alterungsprozesse, eine diabetische Nervenschädigung (Neuropathie) oder eine verkalkte, versteifte Gefäßwand, in der die Rezeptoren schlechter „fühlen”.
Unzureichende Zentralreaktion
Das Kreislaufzentrum im Hirnstamm empfängt die Signale, verarbeitet sie aber zu langsam oder gibt einen zu schwachen Gegenbefehl aus. Solche zentralen Störungen treten vor allem bei neurologischen Erkrankungen auf, die das autonome Nervensystem betreffen, etwa bei Parkinson oder der Multisystematrophie.
Schwache periphere Reaktion
Der Befehl aus dem Gehirn kommt an, wird aber am „Ausführungsort” nicht ausreichend umgesetzt: Die Blutgefäße verengen sich zu wenig, oder das Herz steigert seine Leistung nicht genug. Häufige Gründe sind Nebenwirkungen von Medikamenten (vor allem Blutdrucksenker, Entwässerungsmittel und einige Antidepressiva), Flüssigkeitsmangel oder eine geschwächte Bein- und Rumpfmuskulatur.
Volumendefizite
Ist schlicht zu wenig Blut im Kreislauf, können selbst intakte Regulationsmechanismen den Druck nicht halten. Dazu kommt es bei Dehydrierung (zu wenig Trinken, starkes Schwitzen, Durchfall/Erbrechen), nach Blutverlust oder bei bestimmten chronischen Erkrankungen.
Störung des autonomen Nervensystems
Bei einer übergeordneten Funktionsstörung des autonomen Nervensystems (Dysautonomie) ist die gesamte Regulationskette betroffen. Ursachen können neurologische Grunderkrankungen sein, aber auch Autoimmunprozesse oder, meist vorübergehend, die Nachwirkungen schwerer Infektionen.
Verschiedene Ausprägungen orthostatischer Kreislaufstörung
Orthostatische Kreislaufstörung ist nicht immer gleich. Mediziner unterscheiden verschiedene Formen, je nachdem, wie sie entsteht und wie schnell der Blutdruck abfällt:
Klassische orthostatische Hypotonie
Der Blutdruck fällt unmittelbar nach dem Aufstehen ab, definitionsgemäß innerhalb von drei Minuten um mindestens 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch. Dies ist die häufigste Form; sie ist oft altersbedingt oder durch Medikamente ausgelöst.
Verzögerte orthostatische Hypotonie
Der Blutdruckabfall tritt erst nach mehr als drei Minuten Stehen ein. Diese Form wird beim einfachen Schellong-Test leicht übersehen und deutet häufig auf eine beginnende Störung des autonomen Nervensystems hin.
Belastungsinduzierte Form
Die Beschwerden treten vor allem während oder direkt nach körperlicher Belastung auf. Betroffen sind unter anderem gut trainierte Ausdauersportler, deren weitgestellte Gefäße den Druck nach dem Sport nicht schnell genug halten.
Postprandiale Hypotonie
Der Blutdruck sackt nach dem Essen ab, weil viel Blut in den Verdauungstrakt umgeleitet wird. Besonders nach großen, kohlenhydrat- oder fettreichen Mahlzeiten und vor allem bei älteren Menschen kann das zu Schwindel und Müdigkeit führen.
Symptome und potenzielle Folgen
Die Symptome entstehen, weil das Gehirn nicht ausreichend durchblutet wird. Die Intensität hängt davon ab, wie stark und wie schnell der Blutdruckabfall ist:
Akute Symptome
- Schwindel
- Kopfflimmern
- Verschwommenes Sehen
- Schwäche
- Benommenheit
- Angst vor Ohnmacht
Schwere Symptome
- Ohnmacht/Syncope
- Herzrasen
- Brustbeklemmung
- Atemnot
- Verwirrtheit
- Kurzzeitige Bewusstlosigkeit
Chronische Folgen (bei häufiger Wiederholung)
- Chronische Müdigkeit
- Chronische Kopfschmerzen
- Konzentrationsstörungen
- Angststörung (Vermeidungsverhalten)
- Soziale Einschränkung
Komplikationsrisiken
- Sturz und Verletzungen
- Verkehrsunfall (bei Ohnmacht während Fahrt)
- Kopfverletzungen
- Frakturen
- Psychische Belastung
Wer ist besonders gefährdet?
Bestimmte Personengruppen haben ein erhöhtes Risiko, orthostatische Kreislaufstörung zu entwickeln:
Ältere Menschen (70+ Jahre)
Altersbedingte Abnahme der Nervenfunktion und Gefäßelastizität, häufige Medikamenteneinnahme.
Menschen unter Blutdrucksenker-Medikation
Diese Medikamente können die orthostatische Reaktion beeinträchtigen, besonders Beta-Blocker und ACE-Hemmer.
Menschen mit Diabetes
Diabetes kann Nervenschädigungen (diabetische Neuropathie) verursachen, die das autonome Nervensystem beeinträchtigen.
Menschen mit Dehydrierung oder Mangelernährung
Unzureichende Flüssigkeit oder Nährstoffmangel reduziert das Blutvolumen.
Menschen mit neurologischen Erkrankungen
Parkinson, Multiple Sclerose, Amyloidose und andere können das autonome Nervensystem schädigen.
Längere Bettlägerigkeit oder Immobilität
Muskelabbau und Detraining der Kreislaufregulation nach längerer Ruhe.
Intensive Sportler nach großem Trainingsumfang
Übertraining kann kurzfristig zu autonomer Dysfunktion führen.
Schwangerschaft
Hormonelle Veränderungen und erhöhtes Blutvolumen können kurzfristig zu Blutdruckinstabilität führen.
Diagnose orthostatischer Kreislaufstörung
Die Diagnose erfolgt durch eine Kombination aus Anamnese (Gespräch), klinischer Untersuchung und ggf. weiteren Tests:
Anamnese
Am Anfang steht das ärztliche Gespräch. Der Arzt oder die Ärztin fragt, wann die Symptome auftreten (beim Aufstehen, nach Mahlzeiten, bei Hitze), wie lange sie anhalten und ob es bereits zu Ohnmachten kam. Ebenso wichtig sind die Medikamentenhistorie, vor allem Blutdrucksenker und Entwässerungsmittel, sowie chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Parkinson.
Blutdruckmessung im Liegen und Stehen (Schellong-Test)
Der Standardtest: Der Blutdruck wird zunächst im Liegen gemessen, dann direkt nach dem Aufstehen und erneut nach zwei bis drei Minuten Stehen. Ein Abfall von mindestens 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch gilt als beweisend für eine orthostatische Hypotonie. Parallel wird die Herzfrequenz erfasst, sie zeigt, wie kräftig der Körper gegenzuregeln versucht.
EKG und Langzeitüberwachung
Ein Elektrokardiogramm schließt Herzrhythmusstörungen als Ursache aus. Wie stark die Herzfrequenz beim Aufstehen ansteigt, gibt zusätzlich Hinweise darauf, ob das autonome Nervensystem angemessen reagiert. Bei unklaren, im Alltag auftretenden Episoden kann eine 24-Stunden-Blutdruckmessung (Langzeit-Monitoring) helfen, die Situationen realistisch zu erfassen.
Kipptischuntersuchung (Tilt-Table-Test)
Bei atypischen Verläufen oder zur Unterscheidung der verschiedenen Formen kommt die Kipptischuntersuchung zum Einsatz: Der Patient wird auf einem motorisierten Tisch langsam aufgerichtet, während Blutdruck und Herzfrequenz kontinuierlich aufgezeichnet werden. Details dazu finden Sie auf unserer Seite Kipptischuntersuchung: Ablauf & Bedeutung.
Laboruntersuchungen
Bluttests decken behandelbare Grundursachen auf, etwa eine Blutarmut (Anämie), Elektrolytstörungen, eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder Blutzuckerprobleme.
Behandlung und Management
Die Behandlung von orthostatischer Kreislaufstörung beginnt mit nicht-medikamentösen Maßnahmen und eskaliert ggf. zu Medikamenten:
Nicht-medikamentöse Maßnahmen (Erste Linie)
An erster Stelle stehen einfache Verhaltensänderungen: langsames, stufenweises Aufstehen, ausreichend trinken, eine moderate Salzzufuhr, regelmäßige Bewegung und, wo sinnvoll, Kompressionsstrümpfe. Diese Basismaßnahmen reichen bei vielen Betroffenen bereits aus.
Ausführliche, alltagstaugliche Anleitungen dazu haben wir auf der Seite Schwindel beim Aufstehen: Ursachen und was hilft zusammengestellt.
Medikamentöse Behandlung (Zweite Linie)
Reichen die nicht-medikamentösen Maßnahmen nicht aus, stehen verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung, die Auswahl trifft immer der behandelnde Arzt:
- Sympathomimetika (z. B. Midodrin) verengen die Blutgefäße direkt und heben so den Blutdruck.
- Mineralocorticoide (z. B. Fludrocortison) fördern, dass der Körper Natrium und Wasser zurückhält, und vergrößern das Blutvolumen.
- Pflanzliche Präparate wie KORODIN® (mit D-Campher und Weißdorn) unterstützen die Kreislaufstabilität und sind gut verträglich.
Bestehende Medikamente überprüfen
Ein wichtiger, oft übersehener Schritt: Der Arzt prüft die vorhandene Medikation. Blutdrucksenker, Entwässerungsmittel und einige Antidepressiva können eine orthostatische Hypotonie verstärken, manchmal genügt eine Dosisanpassung oder ein Präparatewechsel, um die Beschwerden deutlich zu bessern.
Physiotherapie und Training
Gezieltes Bein- und Rumpfmuskeltraining verbessert die Muskelpumpe und damit die Kreislaufreserve. Auch ein moderates Ausdauertraining und bestimmte Gegenmanöver (etwa das Überkreuzen der Beine oder Anspannen der Wadenmuskulatur beim Stehen) können orthostatische Symptome spürbar reduzieren.
Hilft akut bei Schwindel und Kreislaufschwäche
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen orthostatischer Hypotonie und niedrigem Blutdruck?
Niedriger Blutdruck (Hypotonie) beschreibt dauerhaft niedrige Werte. Orthostatische Hypotonie meint speziell den Blutdruckabfall beim Wechsel ins Stehen. Man kann normale Ruhewerte haben und trotzdem beim Aufstehen einen orthostatischen Abfall erleben, und umgekehrt.
Wie wird eine orthostatische Kreislaufstörung festgestellt?
Im Mittelpunkt steht die Blutdruckmessung im Liegen und anschließend im Stehen, etwa über den Schellong-Test. Als Hinweis gilt ein Abfall von mindestens 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch innerhalb von drei Minuten nach dem Aufstehen. Bei unklaren Fällen kann zusätzlich eine Kipptischuntersuchung erfolgen.
Was hilft bei orthostatischer Kreislaufstörung?
An erster Stelle stehen nicht-medikamentöse Maßnahmen: langsames Aufstehen, ausreichend trinken, moderate Salzzufuhr, Bewegung und gegebenenfalls Kompressionsstrümpfe. Reicht das nicht aus und liegt ein ärztlich festgestellter niedriger Blutdruck vor, kann eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein, etwa die mehrfach klinisch untersuchte pflanzliche Kombination in KORODIN®.
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Quellen
- • Ricci et al. – Consensus Definition of Orthostatic Hypotension: Analysis of the Literature and Implications for Clinical Practice (Eur. J. Clin. Invest., 2015)
- • Deutsche Gesellschaft für Neurologie – Leitlinien zu orthostatischer Hypotonie und Schwindel
- • Freeman et al. – Consensus-based statement on the definition of orthostatic hypotension, neurally mediated syncope and the postural tachycardia syndrome (Clin. Auton. Res., 2011)
- • Medizinische Fachliteratur
- • ¹ Schandry R. et al. Z Phytotherapie 2023;44(02):72–77
- • ² Bose B. et al. Z Phytotherapie 2011;32:S1
- • ³ Kroll M. et al. Phytomedicine 2005;12(6–7):395–402
- • ⁴ Csupor D. et al. Phytomedicine 2019;63:152984